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Kindsbacher Bruch

Das Kindsbacher Bruch westlich von Kaiserslautern: ein Rückzugsraum beider Wiesenknopf-Ameisenbläulinge

Seit zehn Jahren gibt es nur noch zwei isolierte und kleinräumige Populationen von Hellen Wiesenknopf-Ameisenbläulingen (Phengaris teleius) in der Pfalz. Etwa acht Teilpopulationen sind zwischen 1993 und 2011 erloschen – die entscheidende Beschleunigung des Aussterbeprozesses dieser FFH-Art setzte ausgerechnet nach Inkrafttreten der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie ein. Im Kindsbacher Bruch siedelt der seit Jahrzehnten größte pfälzische Bestand, mit Tagespopulationen von bis zu 800 Tieren noch um das Jahr 2015, bei allerdings seit langem großen Bestandsschwankungen von Jahr zu Jahr.

Bildlegende: Heller Wiesenknopf-Ameisenbläuling (Phengaris teleius); Kindsbach (Westpfälzische Moorniederung), 23. Juli 2010

Am 30. Juli 2020 suchten wir dort fünf in Kontakt miteinander stehende Grünlandflächen auf, zuerst eine bahnstreckennahe Wiesenbrache: Nach den vergangenen niederschlagsarmen Jahren wirkt sie trockener und verheidet in ihrem Westteil, außerdem nimmt Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) immer mehr Raum ein, aber zerstreut stehen hier Dutzende gut entwickelter Wiesenknopfstauden, um die herum 10 P. nausithous und 10 P. teleius flogen. Die Raupennährpflanze verjüngt sich hier sogar auffällig gut: Ganz regelmäßig entwickeln sich in kleinen, durch Wildschweine verursachten offenen Bodenstellen eine bis mehrere Jungpflanzen.

Bildlegende: Wiesenbrache mit Gehölzaufwuchs und eindringenden Goldruten; Kindsbach (Westpfälzische Moorniederung), 26. Juli 2019

Im Hauptlebensraum der Bläulinge, ein- bis zweischürigen Wiesen mit gutem Pfeifengrasanteil, verschieben sich in den trockenen Sommerhalbjahren die Mahdtermine nach hinten, Richtung Mitte Juli statt Mitte Juni, und verhindern großflächig einen ausreichenden Fortpflanzungserfolg. Rechtlich darf das eigentlich gar nicht sein: Das von den Bläulingen besiedelte Kindsbacher Grünland unterliegt einer besonderen Schutzpriorität, mit den Wiesenknopf-Ameisenbläulingen als Zielarten. Praktisch aber steht das Naturschutzmanagement in einer (Vertrags-)Partnerschaft mit den LandbewirtschafterInnen – mit allgemeineren oder weiter gesteckten Naturschutzzielen –, in der auch unausgesprochene Kompromisse wirksam sind, was immer wieder dazu führt, dass spezifische Ziele vernachlässigt oder verfehlt werden.

Bildlegende: Mähwiesen am Westrand von Kindsbach, aktuell wichtigster pfälzischer Lebensraum des Hellen und des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings (Phengaris teleius, P. nausithous), 26. Juli 2019

Wenn dadurch Arten trotz in Kraft getretener Schutzprogramme landesweit an den Rand des Aussterbens geraten, muss man allerdings schnell ein gemeinsames Vorgehen abstimmen: Wir fanden in vier großen Wiesen 7, 5, 0 und 0 Helle Wiesenknopf-Ameisenbläulinge. Die meisten der bis dahin hier geschlüpften Falter waren vermutlich wegen fehlender Eiablagemöglichkeiten abgewandert, ohne gute Chancen, dabei auf Ersatz-Larvalhabitate zu stoßen. Ende Juli 2019 waren in den gleichen Lebensräumen 7, 23, 33, 6 und 3 P. teleius gezählt worden, bei auch damals nicht optimalen Eiablagemöglichkeiten wegen der nach Mahd oft nur kümmerlich neu erblühenden Wiesenknopfstauden.

Bildlegende: Larvalhabitat der Wiesenknopf-Ameisenbläulinge in den Mähwiesen am Westrand von Kindsbach, 26. Juli 2019

Die beschriebene Grünlandbrache betrachten wir seit zwei Jahren als eine Art Reservoir, wo sich ein kleiner Teilbestand der Falter unbehelligt von Bewirtschaftung fortpflanzen kann. Hauptsächlich durch das Fortschreiten der Goldruten wird hier aber schon in weiteren zwei Jahren ein Kipppunkt erreicht sein, an dem die Bläulinge beider Arten aus diesem Lebensraum schnell verschwinden. Die zuständige Biotopbetreuerin plant als ersten Schritt ein Herausdrängen der Goldruten, möglichst ohne den Einsatz schweren Geräts. Schon im Jahr 2021 – daran führt nichts vorbei – müssen sich die Falter in den bewirtschafteten Wiesen wieder zuverlässig vermehren können und sollte dazu auch benachbartes, zum Teil brachgefallenes Grünland für eine Biotopentwicklung in Betracht gezogen werden.